Rezension: Voller Ăśberraschungen

amarcords fesselndes Eröffnungskonzert des 18. Festivals „a cappella“


Es braucht nicht einmal Minuten, bis sich tiefe Ruhe und Stille in der Thomaskirche ausbreiten – aller möglicher Trubel der Stunden zuvor ist vergessen.

Die „Einkehr“, zu der das amarcord-Programm „Tenebrae“ beim Eröffnungskonzert des diesjährigen „a cappella“-Festivals einlädt, ist schnell überall im Kirchengestühl zu sehen und spüren. Nicht wenige der 800 Konzertgäste überlassen das Sehen den Ohren. Es ist „a cappella“-Zeit.

Der amarcord’sche Klangkörper ist – mit nur wenigen Umbauten – nun schon 25 Jahre im Einsatz, und doch zeigt er auch an diesem Abend neue Farben. Wobei das letztlich doch nicht erstaunlich ist, denn Neuerfindung ist ja Prinzip beim Ensemble amarcord. Entsprechend gestaltet sich auch das Programm, das in einem umfangreichen Messablauf frühe Mehrstimmigkeit mit zeitgenössischen Werken verknüpft.
Die ersten Stücke des Abends sind erhaben schreitende Psalmvertonungen und Antiphone, Beginn 16. Jahrhundert. Die fünf amarcord-Sänger wandeln währenddessen vom Hauptportal zum Mittelschiff und schließlich einzeln durch die Seitenschiffe. Das „Kyrie“ Guillaume de Machauts zeigt sich mit für das 14. Jahrhundert eigentypischer Expressivität, dann folgt das erste Stück zeitgenössischer (und speziell für die Hausherren geschriebener) A-cappella-Art, Sidney Boquirens „Gloria“ von 2001 – ein echter Hinhörer. Die engen und doch prallen Akkorde im Forte zu Beginn des Stücks schillern und schellen faszinierend in den Ohren, aber auch die leisen Stellen fesseln. Das Ensemble hat sich inzwischen in den Altarraum der Kirche „zurückgezogen“, nutzt so clever die Klangraumweite der Thomaskirche und lässt seine fünf Stimmen hinausstrahlen.

Bald darauf sorgt „O Crux splendidior“ für eine wahrlich traumhafte Sequenz des Konzertabends: Erneut einzeln durch den Kirchenraum wandelnd, weben die Sänger ein ausgedehntes Melodiegeflecht, in dem unvermutet eine weitere Stimme emporsteigt, die gar keine ist... Es singt ein Theremin! Als Überraschung des Abends stimmt die Theremin-Spezialistin Carolina Eyck mit ihrem Instrument in die gregorianischen Melodiebögen mit ein, spielt (und singt) anschließend auch ein Stück solo.

Ob nun a cappella oder nicht: dieser Teil des Abends ist enorm sphärisch und magisch. Obendrein ist man in puncto Klangbild nun perfekt auf Ivan Moodys „Apokathílosis“ (1999) eingestimmt, das sich auf griechisch-orthodoxer Basis zwischen modernem Tonsatz, Alter Musik und archaischen Klängen bewegt. Johann Walter, William Byrd oder der einmal mehr majestätische Josquin strahlen mit ihren klaren Satzweisen dagegen Sicherheit und Geborgenheit aus. John Taveners „The Lamb“ (1976) pendelt zwischen schönstem Wiegenlied und der Schärfe des 20. Jahrhunderts. Und auch das abschließende „Tenebrae“ des Leipzigers Marcus Ludwig auf einen höchst interessanten Text von Paul Celan zeigt, dass man vor zeitgenössischer Musik keine Scheu haben muss, sondern sie genießen kann. Weil amarcord derartige Sätze wunderbar empfindsam vertont – und die Komponisten den Sängern immer wieder ganz hervorragende Werke schreiben.

In der vielfältigen Zusammensetzung des Programms bekam der thematische Rahmen – das Sich-an-Gott-wenden als Bekenntnis, Bitte oder Suche – etliche musikalische Facetten. All das bot das Leipziger Quintett an diesem Abend mit tadelloser Technik, großer Hingabe und bemerkenswerter Selbstverständlichkeit dar – und das bei einem Programm, das in seiner Zartheit durchweg auf eine enorme Spannung bei den Sängern wie auch bei dem Publikum aufbauen muss, grandios, überwältigend. Da gibt es auf beiden Seiten keine Routine, nur Neugierde und Einkehr zugleich. Der Deutschlandfunk hatte tiefes Vertrauen in amarcord und sein Leipziger Publikum, dieses stille Konzert aufzuzeichnen und hat erneut erlebt, welche faszinierende Musikkultur bei „a cappella“ Leipzig möglich ist.
Amarcord-Bass Holger Krause wünschte abschließend den Zuhörern, dass die Musik der nun angebrochenen „a cappella“-Woche in den aktuellen Zeiten „Balsam und Erbauung für die Seele“ sei. Dieses Konzert war es auf jeden Fall.

 

Autor: Falk Mittenentzwei