Rezension: Leidenschaft und Zeitlosigkeit

Amarcord ehren im Eröffnungskonzert „a cappella“ Leipzig 2018 Pierre de la Rue und Loyset Compère

 

Mit ihrem Festival a cappella versprechen die Leipziger Sänger und Programmdirektoren amarcord alljährlich ein großes Spektrum vokaler Möglichkeiten,

beeindruckende und beglückende Konzerterlebnisse – und dass sie auch selbst immer wieder auf’s Neue „liefern“ und voranschreiten. Wer sie auf, aber auch abseits der Bühne erlebt und beobachtet, merkt ihnen eine Leidenschaft und einen Schaffensdurst an, den es dafür braucht, und er weiß: amarcord werden ihre Versprechen halten. So auch beim Eröffnungskonzert ihres nunmehr 19. Internationalen Festivals a cappella, in welchem sie sich sowohl ihrem Renaissance-Liebling Pierre da la Rue als auch seinem Zeitgenossen Loyset Compère widmen, aus deren Kompositionen mit modernem, aufmerksamen Blick ein sehr überzeugendes Programm gießen und dieses schließlich in der herrlichen Akustik der Leipziger Peterskirche ebenso überzeugend zelebrieren.

 

Die im Programm zentral angelegte Ostermesse Pierre de la Rues ist eine außerordentlich farbige. Jeder Satz der „Missa pasacale“ und jeder einzelne Abschnitt darin hat ein ganz eigenes Gesicht und steckt voller klanglicher oder melodischer Wendungen und Überraschungen. Zu dieser Vielfalt trägt auch bei, dass es immer wieder längere Passagen gibt, in denen nur drei oder zwei Stimmen erklingen. So gibt de la Rue auch den Pausen und der Stille einen Platz (und beides gehört ja bekanntlich auch zur Musik dazu). Zugleich können die fünf amarcord-Sänger so erfreulicherweise Farbe und Charakter ihrer jeweiligen Stimme immer wieder auch einzeln in Szene setzen und sich hören lassen. Der Zusammenklang der Fünf als Einheit bleibt aber und ist durchweg wunderbar.

 

De la Rues Ostermesse zeigt sich als echtes Schmuckstück– und ist für Zuhörer und Sänger gleichermaßen ein Vergnügen. So kurzweilig wie die Messe gestaltet sich auch das gesamte Programm: Den einzelnen Messteilen voran stehen nämlich die jeweiligen gregorianischen Gesänge, auf denen sie aufbauen. Dieser bedachte Wechsel zwischen den liturgischen Quellen und ihren kompositorischen Verarbeitungen wird obendrein noch mit Stücken von Loyset Compère verflochten, welcher sein irdisches Schaffen übrigens genau wie de la Rue im Jahre 1518 einstellte. Die erklingenden Teile seiner „Missa de Domino Nostro Jesu“ Christi sowie die Motette „Gaude prole regia“ zu Ehren der Heiligen Katharina zeigen nicht nur einen wirklich schönen Stil, sie entwickeln sich vor allem mit einer enormem Behutsamkeit. Jeder Ton, jeder musikalische Schritt scheint dem Komponisten wertvoll zu sein – und wird von den Sängern auch genau so interpretiert. Die feinen Melodiebögen der Motette haben schon fast einen Folk-Anstrich… Da geben sich grüne Wiesen, goldene Felder und himmlische Sphären akustisch die Klinke in die Hand. Mit diesem Esprit gerät die Motette ebenso zu einem Höhepunkt des Programms wie die vorangegangene Sequenz „Victimae paschali laudes“, bei der die Außenstimmen des Ensembles hinter dem Altar der Peterskirche entlangwandeln, während sie (für die von Tenor Robert Pohlers und Bariton Frank Ozimek leuchtend gesungenen Melodien) Bordun und Klangschichtungen aufbereiten und dabei sogar ein paar Obertonpassagen einflechten. Ein sphärischer Moment, der wohlige Erinnerung an einen solchen im Eröffnungskonzert des vergangenen Jahres weckt.

 

Durch alle Teile und Stücke des Programms zieht sich dabei ein freudiger, lächelnder Ton. Die zahlreich eingetroffene Zuhörerschaft genießt den Konzertverlauf andächtig und befriedet; die fünf amarcords singen stets akzentuiert und fein, aber mit viel Leidenschaft. Das offizielle Programmende mit Compères „Da pacem, Domine“ wirkt da fast schon zu bescheiden – und so steht nach dem Schlussakkord auch für einen ausgedehnten Moment die Zeit still … bis geradezu schüchtern der Applaus einsetzt, sich immer weiter Bahn bricht und schließlich mit zahlreichen Lobbekundungen garniert wird. Da ist das a cappella-Festival eröffnet, amarcord sichtlich erleichtert und vom Zuspruch des Publikums berührt, und alle über all das sehr glücklich. 

 

Den umso pointierteren Schlusspunkt setzt dann die Zugabe, das traumhafte „Nymphes des bois“ von Josquin des Préz, bei dem der amarcord’sche Klangkörper noch einmal alles auffährt und in dem textlich sowohl Pierre da la Rue als auch Loyset Compère verewigt sind – jene beiden ergiebigen Meister, die vor 500 Jahren starben, aber dank ihrer kompositorischen Finesse und einem amarcord-Programm auf der Höhe der Zeit auch in der Gegenwart wunderbar glänzen können.

 

Autor: Falk Mittenentzwei