Rezension: Makellose Kunst

Das Ensemble Cinquecento schwelgt beim Festival „a cappella“ in Sakralwerken Orlando di Lassos

 

Mit Cinquecento ist beim fünften Konzert des diesjährigen „a cappella“-Festivals ein in Wien beheimatetes, aber internationales Alte-Musik-Ensemble zu Gast,

dessen Spezialgebiet eher unbekanntere Renaissance-Komponisten der damaligen Hofkapellen sind. Und auch wenn ein dahingehend angelegtes Programm mit Sicherheit sehr interessant geworden wäre – die Gruppe in der Peterskirche geistliche Werke von Orlando di Lasso singen zu lassen, war definitiv eine gute Entscheidung.

Einmal mehr gibt der wunderbare Raum der Kirche mehrstimmigen Renaissance-Werken einen zusätzlichen Zauber, lässt sie mit Nachhall und Weite aus den irdischen Sphären abheben, macht sie flüssig und schwebend, vermehrt die Melodielinien zum Eindruck noch polyphoneren Gesangs. Zusammen mit der entsprechenden sängerischen Qualität ist man so von der ersten Minute an überzeugt und erfüllt.

Jede Komposition des Großmeister di Lasso hat eine gewisse eigene Farbe, der Gestus ist stets erhaben und hingebungsvoll. Die Motetten wie „Deus, qui sedes super thronum“ und „Veni, dilecte mi“ sind vielleicht einen Tick geschäftiger komponiert, die Mess-Teile der „Missa super Dixit Joseph“ etwas getragener, wenn auch innerlich verflochtener, stehen ausladender im Raum. Bis auf den letzten Abschnitt des „Sanctus“ über „Osanna in excelsis“ – nimmt dieser doch merklich an Fahrt auf, jubiliert geradezu. Vielleicht ist das aber auch ein fein berechnetes, gestalterisches Mittel des Ensembles gewesen. Im steten Sog und Wogen der Musik nimmt man nämlich die hier und da geschickt eingesetzten dynamischen Feinheiten des Ensembles gar nicht sofort wahr. Die im Verlauf des Programms gut platzierten Gregorianischen Choräle fallen, unisono warmherzig gesungen, dagegen gleich auf. Dennoch ergießt sich alles in einem großen, gleichsam wohligen Fluss. Das Ensemble gibt allen Stücken gleichermaßen Gewicht und Gehalt, sodass man sich nicht entscheiden könnte, welche Komposition Ohr und Herz am meisten anspricht.

Wie gut das Ensemble aufeinander abgestimmt ist, macht sich übrigens bereits am gemeinsamen rhythmischen Wogen der Sänger bemerkbar – von den perfekt gesetzten Schlüssen und der enorm dichten Akkordsetzung bei gerade diesen ganz zu schweigen. Mit Terry Wey hat die Gruppe einen hohen, wunderbar sanften Countertenor in ihren Reihen – das wird bereits mit seinem, dem allerersten Ton des Konzertes klar. Zusammen mit den Klangfarben der beiden Tenöre ergibt das für den Ensembleklang ein durchaus Hilliard’sches Topping.

So kann man nicht anders, als Cinquecento für den Konzertabend eine glänzende Vorstellung zu attestieren. Dem abschließenden Applaus der sehr diszipliniert-involvierten Zuhörerschaft hört man Respekt an, und auch mit „Bravo!“-Rufen wird nicht gespart.

 

Autor: Falk Mittenentzwei