Rezension: Can you feel the love tonight

Estonian Voices verzaubern das Publikum mit ihrer jazzig-theatralischen Gesangsdarbietung 

 

Bei der BegrĂŒĂŸung des Publikums nach dem ersten Lied scheinen die sechs Esten doch ein bisschen aufgeregt zu sein im Anblick des voll besetzten Mendelssohn-Saals.

Doch kaum fangen die Sechs an zu singen, ist jede NervositĂ€t verflogen. Ihre Körper bewegen sich im Rhythmus der grĂ¶ĂŸtenteils jazzigen Musik und ein LĂ€cheln umspielt ihre Lippen. Es scheint als wĂŒrden sie komplett in ihrer Musik aufgehen. Auch interagieren die Mitglieder des Ensembles wĂ€hrend der Lieder viel miteinander. Sie wenden sich einander zu und singen in kleinen Gruppen zueinander, als wĂ€ren sie ganz allein. Besonders harmonisch ist das Zusammenspiel zwischen der Altistin und dem Tenor Mikk Dede bei dem Lied „little love song“. Selbst diese Ballade bekommt durch die beeindruckende Stimme von Kadri Voorand einen jazzigen Klang. Etwas schroffer geht es bei dem auf Estnisch gesungen Lied ĂŒber die verschiedenen Begrifflichkeiten fĂŒr Ärmel zu. Hier entwickelt sich zwischen der Altistin und der Sopranistin Maria VĂ€li eine Streitszene, die, auch ohne die Sprache zu verstehen, den Inhalt eindrucksvoll veranschaulicht und musikalisch wie stimmlich begeistert.
Bei jedem StĂŒck gibt es eine ĂŒberzeugende Choreografie, so auch bei dem Lied ĂŒber den kleinen Motorroller nach einem StĂŒck von Arvo PĂ€rt. Da wird krĂ€ftig Gas gegeben. Am Ende drehen sich alle sechs Köpfe nach links, als sei gerade ein Auto vorbeigefahren. Bei aller Gestik und Mimik wird vor allem durch das Spielen mit der Stimme die Theatralik der AuffĂŒhrung verstĂ€rkt. Es erklingen mit Stimme und Mund erzeugte unterschiedlichste MotorengerĂ€usche und Straßenszenen, aber auch das Zerplatzen von Seifenblasen.


Am stĂ€rksten wird bei dem Lied „N’anga Nala“ mit der Imitation von GerĂ€uschen musiziert. Dieses StĂŒck ist in Anlehnung an König der Löwen geschrieben worden. Das hört man auch. Denn besonders gegen Ende werden immer mehr Tierlaute nachgeahmt, so dass vermutlich jeder im Raum fĂŒr einen Moment die steife AtmosphĂ€re des Saals vergisst und sich wie im Dschungel fĂŒhlt.

Das letzte StĂŒck des Abends bietet jedem der sechs noch einmal die Möglichkeit, in einem Solopart zu brillieren. Die Altistin zeigt zum wiederholten Male die herausragende Bandbreite ihrer jazzigen Stimme. Hier fĂŒhren die Sopranistinnen Maria VĂ€li und Mirjam Dede in immer höhere Stimmlagen, wĂ€hrend der Bass Aare KĂŒlama mit schwĂ€rzester Tiefe kontrastiert. Der Bariton Rasmus Erismaa fĂŒhrt, neben seinem Gesang, erneut perfekte Beatbox-Einlagen vor und der Tenor prĂ€sentiert seinen Teil des StĂŒckes mit einer ĂŒberzeugend klaren Stimme.


Der nicht enden wollende Applaus spricht BĂ€nde und ganz gerĂŒhrt von der Begeisterung verneigen sich die sechs Esten. GĂ€nsehaut bei den SĂ€ngern und stehende Ovationen im Publikum. Zum Dank gibt es dann noch, im Gegensatz zu den vorangegangen Liedern des Abends, ein ganz unverstĂ€rkt dargebotenes estnisches Volkslied.

 

Autor: Leonie Beer