Rezension: Von außergewöhnlicher Art

Das korsische Ensemble A Filetta bannt die Zuhörer mit einzigartigem Liedgut und Charakter

 

Ein weiteres Mal hat sich bei einem „a cappella“-Konzert in der Evangelisch Reformierten Kirche eine ganz eigene Welt gezeigt.

Am Mittwoch war die Gruppe A Filetta zu Gast, die seit fast 40 Jahren den traditionellen Gesang Korsikas pflegt und dieses Erbe durch zahlreiche Projekte mit anderen Musikern für Film, Theater und Kino außerdem erweitert. Ihr Programm „Castelli“ beinhaltet nicht die klassischen traditionellen Gesänge, sondern eigene Stücke, die auf dieser Basis vor allem von Jean-Claude Acquaviva geschrieben wurden, der die Gruppe 1978 mitgründete. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb wird der Abend zu einem wirklich außergewöhnlichen Konzertereignis – eines, das man eigentlich nicht mit Worten wiedergeben kann, sondern selbst erlebt haben muss.

Leicht angeraut sind die Stimmen, voller Ornamentik, und auch der musikalische Ablauf des einzigen traditionell angelegten korsischen Stücks des Abends, „O salutaris hostia“, zeigt eine gewisse Nähe zu anderen Gesangsstilen des Mittelmeerraumes, beispielsweise dem Sardischen. Beim georgischen Volkslied „Ghmerto“ offenbart sich ebenfalls, wie nahe sich verschiedene alte Musiktraditionen sein können. In den eigenen Stücken der Gruppe zeugen Bordun-Abschnitte in den Unterstimmen vom archaischen Ursprung des korsischen Gesangs – darüber aber ist alles möglich.

A Filettas bzw. Jean-Claude Acquavivas Kompositionen sind absolut eigen, unvorhersehbar, spannend, rätselhaft. Da gibt es Cluster-Momente ebenso wie harmonische Parallelläufe, freie Rhythmisierung und Pulsierendes, selbst Anklänge an Jazzharmonik und klassische Auflösungen kann man da finden. Man kann sich vor allem gut vorstellen, wie die Gruppe aus ihrer Zusammenarbeit mit den verschiedensten Künstlern und Künsten alles in sich aufgenommen und in eigenem Musikempfinden verarbeitet hat – oder auch, wie Acquaviva den Klängen der korsischen Landschaft lauscht und das in Musik arrangiert. Wobei: Die traditionellen Gesänge Korsikas sind ausschließlich mündlich überliefert – und auch die Eigenkompositionen der Gruppe dürften schwer in ein Notenbild zu setzen sein.


So fein und minimal sind die Verzierungen, Vibratos und die dynamischen Veränderungen gerade in den Melodiestimmen, die sich oft nur im piano oder gar pianissimo bewegen. Sind die an diesem Abend zu hörenden Stücke auch nicht das klassische Gesangserbe der korsischen Kultur, zeigt die Musik in ihrem Kern aber dennoch das Herz Korsikas: Sie ist dramatisch und leidenschaftlich, zeigt Verletzlichkeit, aber auch den hingebungsvollen Stolz, den die Gruppe bereits in ihrem Namen (korsisch: „der Farn“) verankert hat. Denn Farn schlägt seine Wurzeln in die Breite und ist dadurch besonders schwer zu entwurzeln. Vertont werden dabei biblische Texte, korsische Lyrik und Texte des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa; Zweifel, Schmerz und eine gewisse Spiritualität sind darin viel zu finden.

Nicht nur weil fast alle Stücke des Programms von ihm stammen, ist Jean-Claude Acquaviva der Kopf, das Zentrum der Gruppe. Acquaviva dirigiert das Ensemble auf seine eigene Weise, mit ausgestreckter, gespreizter Hand, erschließt sich mit offenem Ohr und geschlossenen Augen jede Nuance des gemeinsamen Klangs, nimmt seine Kollegen mit, fordert sie auch und arbeitet dabei mit dem gesamten Körper, wörtlich mitten unter ihnen. So sehr er auch leitet, wissen seine Mitsänger aber doch ganz genau, wie sie sich für das gemeinsame Singen einbringen. Es braucht gar keinen Blickkontakt (eher noch legen sie einander die Hände auf), das Ensemble fühlt gemeinsam; jeder gibt sich körperlich auf seine Weise hinein. Am Ende eines jeden Stücks lassen die Sänger „los“, die Spannung fällt von ihnen ab, Durchatmen nach echter körperlicher Arbeit.

Was A Filetta an diesem Abend präsentieren, speist sich gleichermaßen aus höchster Disziplin und höchster Emotionalität. Musikalisch ist es ganz ungewöhnlich, einzigartig. Eine derartige Setzung eines „Ave Maria Stella“ und ein so gesungenes „Adeste fideles“ hat man einfach noch nicht gehört. Und als wären das der Eigenheiten nicht schon genug, beenden A Filetta ihr Programm nach dem hochtragischen Trauerlied „Sumiglia“ mit einer geradezu schwungvoll spielerischen Komposition des Filmkomponisten Bruno Calais, mit dem sie oft zusammengearbeitet haben. Statt klassischer Zwischenmoderationen gibt es übrigens metaphernreiche Prosatexte als Überleitung, gesprochen von Acquaviva und wunderbar feinfühlig von Sonia Lönne deutschprachig dargebracht. Auch das zeugt von der großen Extravaganz, die diese Gruppe mitbringt. Aber – und das ist immer wieder schön – das Festivalpublikum lässt sich darauf begierig ein, ist offen und vollkommen begeistert über diese Musik, die wirklich wie aus einer anderen Welt kommt. Die Spannung der Sänger überträgt sich direkt auf die Besucher, die gebannt sind. Am Konzertende dann steht fast die gesamte Zuhörerschaft von den Sitzen auf und lässt ihrem Jubel freien Lauf, wofür das Ensemble sichtlich dankbar ist. Außergewöhnliche Musik und ein Abend, der nachwirkt.

 

Autor: Falk Mittenentzwei