Leipzig, Leistung, Leidenschaft

FĂĽr Ende April bittet das Leipziger Ensemble Amarcord wieder zum Internationalen Festival fĂĽr Vokalmusik a cappella nebst Wettbewerb.
Das hiesige BMW-Werk bleibt als Hauptsponsor an Bord.


"Leidenschaft, Leistung und Leipzig“ – Hans-Peter Kemser muss nicht lange überlegen: Dies, sagt er, seien die drei Säulen, auf denen seine und die Tätigkeit seiner Mitarbeiter ruhe. Das klingt nun sehr nach Slogan, nach einem von der Sorte, die Manager schnell bei der Hand haben, wenn es darum geht, das gedeihliche Wirken des eigenen Konzerns zu lobpreisen. Doch wer Kemser anschaut, wie er da mit glänzenden Augen inmitten der Sänger des Ensemble Amarcord von Leipzig schwärmt, von Leistung und von Leidenschaft, der ahnt: Der Mann meint ernst, was er da sagt, und er ist erfüllt von seiner Mission.

 

Im Hauptberuf dreht sich Kemsers Leidenschaft um Autos mit viel Leistung aus Leipzig. Denn der Diplom-Ingenieur mit den bayrischen Wurzeln ist seit gut einem Jahr Leiter des BMW-Werks vor den Toren der Stadt, die in seinen Augen unverzichtbar ist für das, was er tut: „Wenn Leipzig sich nicht zu der lebenswerten Kulturstadt entwickelt hätte, die es heute ist, würden wir nicht die Mitarbeiter bekommen, die wir brauchen. Denn die Besten bekomme ich nur in eine Stadt mit erstklassiger Lebensqualität, mit erstklassigen Bildungsangeboten für die Kinder – und mit erstklassiger Kultur.“

Womit wir bei dem wären, was (abgesehen von der Selbsteinschätzung, auf den Säulen Leidenschaft, Leistung und Leipzig ruhe das eigene Tun) Hans-Peter Kemser mit Robert Pohlers, Wolfram Lattke, Frank Ozimek, Daniel Knauft und Holger Krause verbindet, kurz: mit dem Ensemble Amarcord. Denn „weil wir der Stadt Leipzig etwas zurückgeben wollen“, ist das BMW-Werk Leipzig seit 2006 Hauptsponsor des von Amarcord jährlich ausgerichteten Festivals für Vokalmusik a-cappella. 

Nur das darüber Sprechen ist im Sponsoring gemeinhin noch wichtiger als das Tun des Guten. Doch bei Kemser erreicht die Auskunftsfreude recht schnell eine Grenze: Zwischenzeitlich habe man kurz pausiert, unter anderem der Krise wegen, aber derzeit stehe die weitere Förderung des Festivals nebst anhängigem internationalen A-cappella-Wettbewerb nicht zur Diskussion. Eine neuer Vertrag liege bereits in der Münchner Konzernzentrale, die Unterschrift sei „reine Formsache“. Die Summe aber, um die es geht, lässt er sich nicht entlocken: „Konzernstrategie, dass wir so etwas nicht öffentlich machen.“ Immerhin so weit lässt sich der Förderbetrag einkreisen, als dass Kemser einräumt, das Engagement der Füenf aus Deutschland Autobauer liege „in etwa in der Größenordnung“ dessen, was die Stadt aus ihren Töpfen für die institutionelle Kulturförderung mittlerweile jährlich zuschießt. Und das sind rund 40 000 Euro.

Die sind fürs Festival wichtig. Und der mittlerweile in aller Welt bestens beleumundete Wettbewerb, räumt Amarcord-Counter Wolfram Lattke freimütig ein, würde ohne diese Unterstützung schlichtweg nicht stattfinden können. Dass der Festival-Jahrgang 2016 ohne internationales Wettsingen auskommen musste, hatte allerdings nichts mit mangelnder Hilfe aus Bayern zu tun, sondern mit dem Deutschen Katholikentag, der zeitgleich zum A-cappella-Festival Leipzigs Hotels für potenzielle Wettbewerbsteilnehmer unerschwinglich machte. Nun singen also vom 27. bis 30. April wieder Vokalensembles aus aller Welt um die insgesamt 4500 Euro Preisgeld nebst Konzert-Verträgen.

Das Sponsoren-Engagement von BMW ist normalerweise zeitlich begrenzt. Die Euro-Scene hat diese bittere Erfahrung bereits machen müssen. Doch Amarcord blieben die Bayern treu. Cinquecento aus Österreich „Weil“, sagt Kemser, „es einfach so gut zu uns passt. Amarcord sind jung, sie sind kreativ, sie sind erfolgreich, sie sind dynamisch, sie sind so professionell, dass wir auf Augenhöhe miteinander verhandeln können. „Kurz,“ – das ist es wieder: „... sie stehen für Leistung, Leidenschaft und Leipzig.“

Das geht den Fünfen sichtlich runter wie Öl. Aber dieser Analyse ist auch nur schwer zu widersprechen. Denn mit dem Festival, das sie 1997 erstmals stemmten, mit einem Budget von 20 000 Mark und einem Defizit von weiteren 10 000, das die Ensemble-Mitglieder aus den eigenen Taschen zuschossen, haben die Ex-Thomaner mittlerweile ein Format etabliert, das weit über die Grenzen des Gemeinwesens hinaus den Ruf Leipzigs als Musikstadt festigt – und in aller Welt gern und freimütig kopiert wird.

„Mittlerweile“, sagt Bassist Holger Krause, „sind wir ja nicht mehr nur ein Gesangs-Ensemble, sondern auch ein mittelständisches Unternehmen. Mit allem, was wir tun, müssen wir auch Verantwortung für andere unternehmen. Ständige Selbstkontrolle ist da unabdingbar – und das haben wir auch in der Zusammenarbeit mit BMW gelernt.“ Speziell in den Workshops, die Kemsers Vor-Vorgänger Peter Claußen mit den Amarcordlern machte.

Mittlerweile läuft der Laden wie geschmiert – aber nicht zu routiniert. Bass Daniel Knauft: „Was uns letztlich ausmacht, ist der Umstand, dass wir ein Künstler-Festival machen: Künstler laden andere Künstler ein. Wir wissen, was die Kollegen brauchen, wir wissen, wie man dafür sorgt, dass sie sich wohlfühlen. Wir können die Atmosphäre herstellen, wegen der die Ensembles zu uns kommen. Auch zum wiederholten Male.“

Da hat er Recht. Folglich waren von den King’s Singers bis Bobby McFerrin, von den Hilliards bis zu den Swingle-Singers, von Huelgas bis Jannequin die Granden der Szene schon da. Und auch der kommende Jahrgang, der vom 21. bis 30. April läuft, mit einem Konzert der Gastgeber beginnt und einem mit allen Festivalhöhepunkten im Gewandhaus endet, hält wieder große Namen vor. Und verspricht in Leipzig allerlei Leistung und Leidenschaft.

A-CAPPELLA-FESTIVAL 2017
Das internationale Festival fĂĽr Vokalmusik
a-cappella 2017 findet vom 21. bis 30 April
statt mit folgenden Ensembles:
Ensemble Amarcord (Deutschland, 21.4., Thomaskirche)
Club for Five (Finnland, 22.4., Haus Leipzig)
Füenf (Deutschland, 23.4., Alte Handelsbörse / Werk 2)
Cinquecento (Ă–sterreich, 24.4., Peterskirche)
Estonian Voices (Estland, 25.4., Gewandhaus)
A Filetta (Frankreich, 26.6., Reformierte Kirche)
Kraja (Schweden, 27.4., Reformierte Kirche)
Profetti della quinta (Israel / Schweiz, 28.4., Michaeliskirche)
The Idea of North (Australien, 29.4., Schauspielhaus)
Abschlusskonzert mit (fast) allen (30.4., Gewandhaus

Karten gibt’s unter anderem im LVZ Media Store in den Höfen am Brühl, in allen LVZ-Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 und www.lvz-ticket.de; www.a-cappella-festival.de

Quelle: Leipziger Volkszeitung, 09.12.2016, Peter Korfmacher