Unmögliches wird möglich

Leipziger A-cappella-Festival eröffnet – stehende Ovationen für Club for Five aus Finnland

 

Amarcord eröffnen mit Einkehr 

 

Die „Einkehr“, zu der das Programm „Tenebrae“ des Ensembles Amarcord beim Eröffnungskonzert des 18. „A cappella“-Festivals einlud, war am Freitag in der Thomaskirche schnell zu sehen und zu spüren. 800 Konzertgäste überließen das Sehen den Ohren. In der Zusammensetzung des Programms bekam der thematische Rahmen – das Sich-an-Gott-wenden als Bekenntnis, Bitte oder Suche – etliche musikalische Facetten.
Noch bis 30. April sind im Rahmen des Festivals A-cappella-Gruppen aus ganz Europa sowie Australien zu erleben, um zu zeigen, wie vielfältig und bewegend unbegleiteter, mehrstimmiger Gesang sein kann. Heute gastiert das Vokalensemble Cinquecento aus Österreich mit „Dixit Joseph“ und Sängern aus fünf Nationen in der Peterskirche (20 Uhr, Schletterstraße 5), morgen kommen Estonian Voices aus Estland ins Gewandndhaus (20 Uhr). Infos & Karten: a-cappella-festival.de

 



Rot-orange Buchstabenblöcke und bunte Lichtstrahler beleuchten die leere Bühne, während sich der Zuschauersaal im Haus Leipzig langsam füllt. Nach der Eröffnung des 18. Internationalen Festivals für Vokalmusik „A cappella“ am Freitag in der Thomaskirche durch die Begründer Amarcord steht am Samstagabend eine finnische Sensation auf dem Programm: Club for Five mit ihrem Programm „You’re The Voice“.

Die Künstler betreten die Bühne und werfen sich mit dem swingenden Einstieg „Hit That Jive“ ohne Umschweife in die Musik. Da steht ein richtiges Familienunternehmen auf der Bühne, denn von den drei Männern, die sich im Männerchor der Universität Helsinki kennen lernten, sind auch zwei Frauen musikalisch aktiv. Diese engen Verbindungen sind in der Musik hörbar: Impulse werden sofort umgesetzt und die musikalische Vertrautheit zeigt sich in fein nuancierten Übergängen, wenn die Sänger zeigen, was scheinbar Unmögliches mit der menschlichen Stimme möglich ist.

Die zwei Damen tragen ein Chiffonkleid und eine ähnliche Bluse im Retro-Print, die Männer Anzüge in schwarz oder ein Sakko aus rotem Samt. Der Textilmix spiegelt den Stilmix wieder, dem sich die finnische Gruppe verschrieben hat: Von Pop über Jazz bis zur skandinavischen Folklore haben sie einiges zu bieten, springen zwischen den verschiedenen Gesangsrichtungen, zwischen ruhig und laut, bleiben aber immer ihrem ganz eigenen Stil treu. In die englischen Überleitungen streuen Tenor Jouni Kannisto und auch Bass Tuukka Haapaniemi immer wieder deutsche Brocken und sorgen damit beim Publikum für den ein oder anderen Lacher.

Ruhig und eindringlich wird es beim Herzstück des Konzerts: zwei selbstgeschriebenen, finnischen Liedern. Das erste, dessen Titel mit „Die Mütter unserer Mütter“ zu übersetzen wäre, nimmt schon nach den ersten Tönen gefangen. Die Melodiestimme liegt bei Sopran Maija Sariola und wird von wehmütigen Akkorden begleitet, die klagende Tonfolge entwickelt einen hypnotischen Sog. Der ganz eigentümliche Rhythmus der finnischen Sprache tut sein Übriges und trägt die kanalisierte, musikalische Energie der fünf Sänger. Das nächste folkloristische Lied ist auf Sámi, einer indigenen Sprache aus Lappland, und handelt von der Wichtigkeit, sich seiner Vorfahren bewusst zu sein. Der schwebende, leise Einstieg macht es unmöglich, die ineinander verwobenen Stimmen zu lokalisieren, während vor dem inneren Auge flüchtige Bilder von weiten, verschneiten Ebenen oder dunklen, verlassenen Wäldern entstehen. Altistin Susanna Lukkarinen sendet ihren Text über das Publikum hinweg, lässt den Blick in die Ferne schweifen und ist doch ganzbei sich. Nacheinander steigen Sopran und Tenor in die Melodie ein und fügen melodische Schichten hinzu.

Nach diesem ruhigen, fast schon spirituellen Intermezzo wird es wieder fetziger: Haapaniemi legt mit seinem brummigen Bass ein E-Gitarren-Solo mit komischem Talent und passender Gestik auf die Bühne und begleitet anschließend als E-Bass Sariola in der Melodiestimme von „Don’t Be On The Outside“. Der jazzige Einfluss der Sopranistin wird hier im lockeren Scat-Gesang deutlich, wenn sie in der improvisierten Melodie aufgeht. Wenn man die Augen schließt, scheint es unglaublich, dass das Schlagzeug von Kannisto nur imitiert wird und nicht wirklich auf der Bühne steht. Diese Leistung wird vom folgenden Stück noch übertroffen: Mangels Geld kann sich die Gruppe leider keine eigene Big Band leisten und muss daher selber ran – sie teilen kurzerhand die Übernahme der verschiedenen Instrumente unter sich auf.
In Duke Ellingtons „Black And Tan Fantasy“ übernimmt der Sopran Flöte und Klarinette, hilft mit Alt und Tenor bei den Posaunen aus und imitiert die Instrumente auch gestisch. Der Preis für die beste Trompete geht aber ganz klar an Tenor Jouni Kannisto, denn er erntet mit seiner hervorragenden Darstellung und stimmlichen Leistung die meisten Lacher.

Im Laufe des Abends stellen Club for Five auf allen Ebenen ihre Vielfältigkeit unter Beweis: Neben dem Stilmix probieren sie sich nach Finnisch und Englisch auch in anderen Sprachen wie Chinesisch oder Russisch. Auch in Coversongs wie „You’re The Voice“, dem Thema des Programms, behalten sie ihre eigene Handschrift in den Arrangements und nehmen sich der Musik auf besondere Weise an, ohne das Original zu verfälschen. Nach so einem bunten Abend kann das Publikum die Künstler nicht zugabenlos gehen lassen und honoriert den kirchenmusikalischen Ausflug zu Saint-Saëns’ Psalm 51 „Gott sei mir gnädig“ mit absolut verdienten stehenden Ovationen.



Quelle: Leipziger Volkszeitung, 24.04.2017, Katharina Stork