Und klangschön sinkt das Niveau

A-cappella-Festival: FĂĽenf im Werk 2

 

Als auf der Bühne im Werk 2 die Lichter ausgehen, lässt die Vokalgruppe Füenf ein begeistertes Publikum zurück.

 

Kein Wunder, denn A-cappella-Comedy könnte man nennen, was die Stuttgarter hier die letzten beiden Stunden abgefeiert haben. In ihrem aktuellen Programm „5 Engel für Charlie“ ist das Motto allerdings mehr titelgebend, als dass es wirklichen einen roten Faden böte.


Solistisch sind die Herren top, jeder auf seine individuelle Art. Für die zarten, flötenden Töne ist im Quintett Tenor Christian Langer zuständig, der in schönstem Wohlklang Liebe mit Käse vergleicht und für einen wunderbaren Song verantwortlich zeichnet, der ausschließlich aus den Titeln von Patrick-Lindner-Liedern besteht: „Bring mir die Sonne“. Das Publikum muss im Kollektiv beim eingängigen Refrain ran und Langer frohlockt, dass volkstümliche Musik genau so funktioniert. Einziges Manko ist, dass schon bald nach Konzertende der Ohrwurm zuschlägt.


Die Rampensau vom Dienst gibt Tenor Kai Podack, höchster der drei Tenöre, der zunächst noch in „Mein Thermomix“ ein Küchengerät anschmachtet. Später legt er aber richtig los: „Alle meine Freunde sind schwanger“, gellt es mit der stimmgewaltigen Kraft der Verzweiflung durch die Halle.


Thematisch kreisen die Füenf gern um den Beckenbereich, um dessen Einsatzfähigkeit sich die Herren nach 21 Jahren Bandgeschichte offenbar so einige Gedanken machen. Aber schon der Pressetext kolportiert die selbstbewusste Bandbeschreibung: „Wohin sich auch der Geschmack verirrt, da sind längst: Füenf.“ In diesem Falle sinkt das Niveau sehr klangschön.


Die Songs allerdings sind oft nach Schema F gestrickt: Der jeweilige Solist reiht Strophen und Refrain aneinander, begleitet vom Rest. Und jetzt noch mal der Refrain. Und noch mal. Und ... Dafür ist lichttechnisch und soundtechnisch und harmonisch und stimmlich alles in bester Ordnung. Tenor Jens Heckermann mag es mit seiner raueren Stimme gern energievoll-rockig und pendelt bei „Das ist zu viel für einen Cowboy“ irgendwo zwischen hartem Kerl und Männergruppe, nett anmoderiert von Patrick Bopp. Dieser Bariton hat viel komisches Talent, besonders als betrunkener Schlumpf im Alkohol-Medley „Knapp daneben“.


Bass Francesco Cagnetta sorgt mit einer eindringlichen Interpretation von Falcos umgedichteter „Jeanny“ für Grusel und Spaß gleichermaßen. Aber wenn im Publikum selbst nach dem 20. Mal noch jemand lacht, weil Füenf in Liebeslieder-Songschnipseln das Wort „love“ durch „Horst“ ersetzen, hat die Menschheit wohl diese klamaukige Vokalpenetranz auch verdient.


A-cappella-Festival heute: 20 Uhr, Gewandhaus: Estonian Voices aus Estland; Restkarten: Abendkasse.


Quelle: Leipziger Volkszeitung, 25.04.2017, Anja Jaskowski