Virtuose Botschafter

A-Cappella-Festival: Estonian Voices im Gewandhaus

 


Völlig zu Recht, denn das Vokalsextett Estonian Voices zeigt, wie perfekt abgestimmt Ensemblegesang sein kann.

Schon beim ersten Titel wird klar, dass die drei Sänger und drei Sängerinnen viel auf fein abgestufte Dynamik und imitierende Vocal-Percussion setzen. Dabei sind die reinen, vibratolos schwebenden Stimmen ganz der baltischen Sangeskunst verpflichtet, die in Estland mit seiner große Chormusiktradition hochgehalten wird.


Als Botschafter ihres Landes haben die Estonian Voices viele neu arrangierte Folksongs im Programm, natürlich auf Estnisch gesungen. Auch wenn man nichts versteht ist es wenigstens sprachlich reizvoll, die vielen R-Laute in den Mündern herumkullern zu hören. Lautmalerisch geht es dann fließend über in die knatternden Geräusche von Motorrollern, die in Arvo Pärts „Liedern aus der Kindheit“ über die Bühne sausen.


Das Vokalensemble hat aber noch viel mehr stimmlicheEffekte auf Lager: Vogelrufe und Affengekreisch etwa tauchen im Lied „N’anga Nala“ (Arno Tamm) auf, das vom „König der Löwen“ inspiriert ist. Dafür gibt es im Mendelssohn-Saal des Gewandhauses bereits so ausführlichen Applaus, dass von der Bühne vorsichtshalber der Hinweis kommt, das Konzert sei noch nicht zu Ende.


Überhaupt gehen die Sechs in ihrem virtuosen Stimmeinsatz sehr weit, probieren viel als Gruppenimprovisation aus und machen auch vor zungenbrecherischen Geschwindigkeiten keinen Halt. In „Tüli“ (Auseinandersetzung) streitet Altistin Kadri Voorand schauspielerisch und stimmlich reizvoll mit Soprankollegin Maria Väli. Auch die anderen Ensemblemitglieder haben viel Potenzial, treten aber solistisch kaum in Erscheinung. Während Sopranistin Mirjam Dede ab und an hervortritt, sind die Herren Mikk Dede (Tenor),Rasmus Erismaa (Bariton) und Aare Külama (Bass) meist nur in Begleitfunktion zu erleben. Selbst der von Vokalgruppen so gern eingebaute Bass Song fehlt. Dafür ist der Sound gut gemacht. Neben Folksongs gibt es viel Jazz, darunter auch „Cantaloupe Island“ und „Spinning Wheel“.


Ob selbst arrangiert oder neu komponiert: Meist stammen die abwechslungsreich gesetzten Songs von Voorand. Sie ist seit der Gründung 2011 Kopf der Gruppe aus damaligen Musikstudenten der Musikakademie in Tallinn. Beim Improvisieren zeigt die extrovertierte Altistin mit männlich-kehliger Tiefe große Wandlungsfähigkeit. Auch für ihre gefühlvolle solistische Interpretation des traditionellen „Kättemaks“ regnet es Applaus. Die Begleitung ist hier ebenfalls toll gemacht mit schwerfällig schleppendem Fundament in der Tiefe und einertaumelnd träumender Umspielung in der Höhe.


A-Cappella-Festival heute: 20 Uhr, Reformierte Kirche am Tröndlinring: Kraja aus Schweden; Restkarten (12–20 Euro): Abendkasse

Quelle: Leipziger Volkszeitung, 27.04.2017, Anja Jaskowski