Rezension: Triumph der Harmonie

Das wahrlich große Abschlusskonzert des Festivals "a cappella" 2017

 

In 10 Konzerten ging das Festival „a cappella“ auch 2017 wieder auf Reisen durch die Welt der Vokalmusik, brachte dem Publikum Fremdes und Außergewöhnliches nahe

und prĂ€sentierte Gruppen, die auf großem Niveau spielten. Nur folgerichtig, dass da auch das große Abschlusskonzert des Festivals ein Sammelbecken der verschiedensten A-cappella-KĂŒnste wird.

So bringen die Gastgeber amarcord dafĂŒr auch, als Ausblick auf ein anstehendes Amerika-Programm, Lieder made in USA mit, kein Pop und Jazz allerdings, sondern sozusagen „ernstes“ Liedgut. Samuel Barbers „The Coolin“ etwa, das trotz schroffer Harmonien doch einen lieblichen Duktus besitzt, oder zwei Motetten von Aaron Copland von 1921, denen man ihr modernes Harmonie- und Melodiedenken klar anhört. Nach einem bereits anspruchsvollen Festivalkonzert also kein Schritt zurĂŒck dabei, ihre Zuhörer und sich selbst klanglich und programmatisch immer wieder auch herauszufordern, und zudem eine neuerliche Facette ihres weiten Repertoires. Nach Charles Ives‘ „Serenade“ (trotz Chromatiken ein vertrĂ€umtes Wiegenlied) kĂŒnden von amerikanischer Sehnsucht noch das Spiritual „Deep River“ sowie „900 Miles Away From Home“, das man bereits auf ihrem „Folks & Tales“-Album genießen kann. Die Überraschungseinlage des Abends ĂŒbernehmen amarcord ĂŒbrigens diesmal selbst: Sie nutzen die Gelegenheit, dass The Idea of North da sind, und singen mit ihren langjĂ€hrigen Freunden Nick Begbie und Naomi Crellin „Since you went away“ von James Weldon Johnson.

 

Das aus Israel stammende Ensemble Profeti della Quinta hatte am Freitag eine exzellente Reise in die Zeit des italienischen Madrigals angetreten, im Abschlusskonzert konzentrierte es sich auf StĂŒcke des jĂŒdisch-italienischen Komponisten Salomone Rossi, ein Zeitgenosse Monteverdis. Rossi verknĂŒpfte erstmals in der Musikgeschichte die mitteleuropĂ€ische Renaissance-Polyphonie mit hebrĂ€ischen Texten und konnte das sogar in den jĂŒdischen Gottesdienst seiner Zeit einbringen. Profeti della Quinta wiederum sind die wohl Einzigen, die sich seinem Werk ausfĂŒhrlich gewidmet haben und es auffĂŒhren. Von diesem Ă€ußerst seltenen und spezifischen Repertoire singen sie insgesamt vier Psalmvertonungen, die trotz ihres religiösen Inhalts ganz madrigalesk und lebhaft komponiert sind und von dem Quintett mit entsprechend Esprit dargeboten werden. Sie komplettieren ihren Programmteil mit einem selbst in diesem Stil arrangierten traditionellen Lied zum Fest Chanukka und einem „klassischen“ italienischen Madrigal von Rossi – durchaus mit Monteverdi-Einschlag und bereits in Richtung frĂŒher Oper deutendem Schmiss –, bei dem der schöne Schmelz der Oberstimmen des Ensembles sehr gut zur Geltung kommt.

 

Bereits an dieser Stelle hatte das Abschlusskonzert also internationale und interkulturelle Vielfalt aufgeboten. Ein Ort des Austausches ist es, gastfreundlich und offenherzig, so wie das gesamte Festival. David Hurley, ehemaliger Countertenor der King’s Singers und diesjĂ€hriger Juryvorsitzender des A CAPPELLA Wettbewerbs, findet warme Worte dafĂŒr, wie wohl er sich hier in den letzten Tagen gefĂŒhlt hat und wie erstaunlich die Entwicklung von „a cappella“ in 20 Jahren ist, bevor er die PreistrĂ€ger des diesjĂ€hrigen Wettbewerbs verkĂŒndet. Zwar wurde ein erster Preis diesmal nicht vergeben, dafĂŒr dĂŒrfen sich die Zweitplatzierten an dieser Stelle des Festivalabschlusses prĂ€sentieren. Die Octavians aus Jena machen das mit einer Messkomposition von Josquin, einem fĂŒr sie komponierten StĂŒck mit beherzter Shanty-Schlagseite und Simon & Garfunkels „Scarborough fair“. Gerade die letzten beiden StĂŒcke zeigen gut die bereits entwickelte Klangkultur der sieben Herren, in der hier und da ein King’s Singers-Moment aufblitzt. Im nĂ€chsten Jahrgang dann abendfĂŒllend.

 

Nach der Pause – und einer humorig gefĂŒhrten, straffen Danksagung der amarcords – sind es dann vier Damen, die begeistern: Kraja, mit einer hervorragenden Auswahl ihrer auf der Folktradition Schwedens basierenden Liedern. Wie in ihrem Einzelkonzert reicht bereits das einleitende „Regnet kom“ aus, und man ist verzaubert und verliebt in die Musik der vier SĂ€ngerinnen. Egal ob beim wiegenden „Tystnaden“, dem hinreißend gesetzten „NĂ€r jag dör“ oder dem lieblichen „Jag sĂ„g dig“ – der Klang der Schwedinnen funkelt wie Regentropfen und Sonnenschein. Himmlisch. Der besondere Clou dabei: Der klangliche Organismus des Quartetts und all seine Feinheiten sind beim - ausnahmsweise - Singen mit Mikrofon keinen Deut schlechter. Das Konzert wird von MDR Kultur aufgezeichnet und am 02. Mai, 20 Uhr bereits gesendet.

 

Abschließend entern The Idea of North die BĂŒhne mit einer groovy Version von „Windmills of your mind“, die von Gast-Vokalperkussionist Kai Kitamura hervorragend nach vorn getragen wird. Der beweist anschließend, dass er außerdem ein fantastischer Staubsauger und sogar ein startender Airline-Jet sein kann – natĂŒrlich alles mit dem Mund. Zusammen sind The Idea of North wunderbar entertaining, was den Abend mit viel guter Laune perfekt abrundet. Ob mit dem Song, in dem Tenor Nick Begbie lieber einen Halbton höher als seine Kollegen singen möchte (und das im Refrain dann auch herrlich schrĂ€g tut), oder einem Jazz-Standard, bei dem amarcord-Tenor Robert Pohlers als Gast-„Dirigent“ die einzelnen SĂ€nger nach Belieben stumm- und wieder anschalten kann, ohne dass die Gruppe dabei aus ihrem Drive und den Harmonien kommt. Und selbst „Mein Hut, der hat drei Ecken“ wird bei den Australiern zu Kunst. Den Abschluss des Abends machen ein Michael-Jackson-Mix und als Zugabe (nochmal deutsch!) ein wunderbares Arrangement des „Heidenrösleins“, in dem das Gewandhaus beim letzten Refrain auch mitsingen darf (und will).

 

Und da war er wieder da, der Festivaleffekt: Kaum, dass man es merkte, gab es an einem Abend fĂŒnfmal auf jeweils eigene Weise VölkerverstĂ€ndigung a cappella. Überhaupt durchzogen Verbundenheit und Warmherzigkeit das Konzert. Amarcords oberste Stimme Wolfram Lattke betont in einer Moderation, dass Vokalmusik immer auch heißt, einander zuzuhören, gemeinsam zu agieren und offen fĂŒr Andere zu sein (was man im Laufe der Woche immer wieder hören und beobachten konnte, und in den aktuellen Zeiten wichtiger ist denn je). Konsequente Schlussfolgerung: „Wir brauchen mehr Vokalensembles auf der Welt.“ Das Publikum schließt sich dem vorbehaltlos an. Hier, beim großen Abschlusstreffen des Festivals „a cappella“ im rundum bis auf den letzten Platz besetzten Großen Saal im Gewandhaus zu Leipzig, ist man sich einig, eine eingeschworene Gemeinschaft, eine ĂŒberzeugte Familie von „HarmoniesĂŒchtigen“. Derart zuversichtlich und musikalisch erfĂŒllt kann man dann auch nur glĂŒcklich nach Hause gehen. Mit großem Jubel. Und dem guten GefĂŒhl, dass das nĂ€chstes Jahr wieder so sein wird. Beim 19. Festival.

 

Autor: Falk Mittenentzwei