Rezension: Das komplette Spektrum in 75 Minuten

Der „a cappella“ Showcase des Nachwuchses 2019

 

Der internationale Vokalmusik-Nachwuchs hat mit dem Showcase des Internationalen „a cappella“ Wettbewerbs Leipzig eine hervorragende Bühne:

Die sieben am diesjährigen Wettbewerb teilnehmenden Ensembles aus Deutschland, Ungarn und Schweden stellen sich – das Wertungssingen hinter sich gebracht und frisch inspiriert durch eine Masterclass mit dem Vokalmusikprofi Stephen Connolly (ehemals King’s Singers) am Vormittag – in einem gemeinsamen Konzert vor. Dabei zeigt jede Gruppe zwei bis drei Lieder, und das ist so kurzweilig wie verblüffend, denn die musikalischen Sprachen sind außerordentlich unterschiedlich.

 


Wer die Nachwuchsgruppen bei der Wettbewerbsaustragung oder der Masterclass nicht erlebt hat, kann staunend hören, was die Vokalmusikwelt alles an jungen Talenten zu bieten hat. Alle anderen haben zudem den spannenden Vergleich, welchen Fokus die Ensembles bei der kurzen Vorstellung ihres Repertoires in diesem Rahmen setzen, denn das kann manchmal überraschend ausfallen. Das Ensemble Nobiles etwa, das seine Wurzeln im Thomanerchor in Leipzig hat, lässt für seinen Showcase-Beitrag sein klassisches „Heimatrepertoire“ eher außen vor. Stattdessen gibt es, ganz akkurat vorgetragen, das schottische Traditional „A Red, Red Rose“ und das vom Ensemble selbst frisch in Szene gesetzte „Hoch auf dem gelben Wagen“, das sie heute ihrem Manager widmen, der Geburtstag hat. Die Free Vocals, ehemalige Regensburger Domspatzen, tauschen gar gleich die kompletten Smokings gegen legere Shirts ein und zeigen ihre Pop-affine Seite. Die Tipps aus der dem Showcase vorangegangenen Masterclass haben sie in ihren Beitrag mitgenommen und sich neue Lockerheit verschafft. So können sie bei ihrem selbstgeschriebenen „Friendzone Song“ auch ihr komisches Talent präsentieren und beim Publikum punkten. Auch die ungarische Gruppe Voice Drops hat die Masterclass sichtlich genossen und performt ihren heutigen Beitrag (ein Jazz- und ein Folk-Stück) hörbar ein ganzes Stück energetischer als noch vor zwei Tagen. Der komplett gefüllte Kupfersaal ist überzeugt – genau wie bei Aora aus Schweden. Das gemischte Sextett lässt sein jazziges Repertoire im Koffer und setzt auf die Titelmusik der „Game of Thrones“-Saga sowie „Out There“ aus dem Disney-Glöckner von Notre-Dame. Keinesfalls ein Fehler – denn ihre starken Stimmen und ihre charismatische Performance funktionieren auch hier prächtig.


So geht es also in diesem Showcase des A-cappella-Nachwuchses extrem vielfältig daher, von romantischem Liedgut und Barbershop - die jungen, aber überaus talentierten German Gents aus Berlin, denen die Herzen des Publikums gewiss sind - bis hin zu Reggae- und Weltmusiksounds - die Kinder vom See aus Halle mit ihrer authentischen Attitüde und einem Händchen dafür, mit drei Stimmen alles Mögliche abzudecken. Das Voktett Hannover gibt zudem einen spannenden Einblick in den Bereich zeitgenössischer Vokalmusik, womit man an diesem (Vor-)Abend so gut wie die gesamte Bandbreite der A-cappella-Szene hören konnte. Jedes Ensemble für sich geht letztlich als Gewinner aus dieser Werkschau hinaus, denn neue Fans haben definitiv (und zu Recht) alle gewonnen. Und mehr A-cappella-Abwechslung auf hohem Niveau in 75 Minuten geht und gibt es weit und breit nicht. Herrlich.

 

 Autor: Falk Mittenentzwei